Ein W202 für weniger Geld als ein Bahnticket, bitte

  • Hallo zusammen,


    ich heiße Felix und bin nun auch in der Neuzeit angekommen, DENN: ich habe mir nun endlich ein modernes Auto gekauft. Mit digitalem Kilometerzähler, Infrarot-ZV und anderem Zipp und Zobel, der mir bislang unbekannt war. ;)


    Und das kam so. Leichtsinnig wie ich war, habe ich vor kurzem einen neuen Job angenommen. Man kennt das ja: da kommt so ein Headhunter um die Ecke und verspricht einem eine rosige Zukunft voller "neuer Herausforderungen", einem "kreativen und progressiven Arbeitsumfeld" und Schubkarren voller Geld. Klang nicht schlecht, stimmte auch zum Großteil, also direkt Nägeln mit Köpfen gemacht. Allerdings wird ein bisschen berufliches Pendeln erfordert. Wohnort und Arbeitsort liegen gar nicht soooo weit auseinander, aber in zwei Metropolen, sodass der erste Schnappreflex eher in Richtung Monatskarte der Bahn ging.


    Bei der ortsansässigen Filiale dieses Mobilitätsdienstleisters staunte ich dann angesichts des Ticketpreises aber nicht schlecht (http://nichtschlechtstaunte.tumblr.com/). Man sagt ja, dass wir Deutschen ein Wort für alles haben und ein besonders hässliches ist "Regionalverbundsübergangstarif", wie ich dort lernte. Kurzum: für die 3-4 Monate, die ich bis zum Umzug in die neue Stadt pendeln müsste, wollten die eine knapp vierstellige Summe von mir haben. Und da dämmerte mir, dass ich für's gleiche Geld wohl auch ein Auto nutzen könnte. Die Spielregeln für mein Experiment lesen sich wiefolgt: Anschaffung des Autos + Betrieb über vier Monate < Bahnticketpreis x 1,5.


    Das hätte auch den angenehmen Nebeneffekt, dass ich mal wieder ein Auto hätte, das auch bei schlechtem Wetter draußen spielen darf. Denn ich fahre eigentlich nur im Sommer ein Auto. Oder auch zwei. Ahem...


    Also ich sag's mal so. Ich habe mein Leben lang nur Autos gefahren, die irgendwie mehr Spielzeug als Fortbewegungsmittel waren. Also so was...




    ...oder sowas...




    ...oder manchmal auch sowas:



    Wann immer möglich schraube ich selbst; dieses weiße Dingsi ohne Dach war zum Beispiel meine erste Vollrestauration. Aber irgendwie ist das schon ein Kreuz mit der Mobilität: die S-Klasse fahre ich im Sommeralltag und wenn man so jahrelang richtet, poliert und schraubt, sind sie plötzlich zu schade für den Winter. Man hat sie dann ja doch zu lieb für so was oder?


    Wer noch wach ist, darf gerne weiterlesen. :)


    Denn jetzt kommen wir zur C-Klasse W202 - aka "die Baureihe, von miesester Qualität, ganz viel Elektronikdings (und Bums!), der ja eh nur kaputt geht und überhauptistdasjanixwennmanAltmercedesvollnerdistundesgewohntistdasseinausdemVollengefrästerMercedesmindestens50JahrehältMINDESTENSJajajadaswarnochBlech!!!".


    Ich griff ganz bewusst recht weit unten ins Regal und habe mir so einiges unter 1000€ angesehen auf der Suche nach einem im Kern gesunden oder einfach heilbaren Wagen. Und da ereilte mich die erste Überraschung: das Angebot ist wirklich riesig. Auf den Probefahrten dann stets die zweite Überraschung: meine Güte, die Dinger fahren sich wirklich feudal. Eigentlich genau so wie ein W140 auch, trotz teilweise wirklich desolatem Zustand. Dabei verbrauchen sie 2l weniger Sprit als der von mir eigentlich gesuchte W124 und haben ein Sicherheitsniveau, das mir ein wohliges Gefühl in der Brust gab.


    Gekauft habe ich dann ein Auto, das der Vorbesitzer liebevoll "Arthur" nannte. An Sylvester, so ganz nebenbei!


    :!: Fact sheet! :!:

    • C180 Classic
    • Bj. 11/95, also kleine Mopf
    • 311.000 Km (ich mag Hochkilometriges)
    • Außen DB721 Onyxgrau
    • Innen Stoff schwarz (übrigens trotz der Laufleistung absolut makellos. Die Fahrersitzwange ist jungfräulich und ja, das ist der erste Sitz!)
    • EFh vorn
    • ATA
    • MAL
    • Radio MB "Classic" mit elektrischer Antenne
    • Sitzheizung
    • Schiebedach


    So sah das dann aus auf der Überführungsfahrt:





    Und so danach im fahlen Licht der Schutzlaterne:






    Ganz schön fies, was?


    Nicht so gut:

    • Rost hat er an allen Ecken und Enden, W202-typisch aber eher wegen unterrosteter Grundierung statt "wie früher" von innen kommend
    • Servopumpe braucht eine erhöhte Drehzahl, um ausreichend Druck aufzubauen
    • Birnen im KI teilweise ausgefallen (aber ihr kennt euch ja aus und habt das eh schon gesehen), in der Mittelkonsole auch halbtot
    • Generell innen und außen schmutzig
    • Scheibenwischerintervallschaltung verhaltensauffällig
    • Service überfällig


    Gut:

    • In den letzten Jahren wurde in Etwa das dreifache meines Kaufpreises in die Technik investiert. Steuerkette, MKB und Kopfdichtung prophylaktisch, Stoßdämpfer, Reifen, Kühler, Bremsen (ALLES, bis auf den HBZ!)
    • Tüv neu
    • Rost hat er schwerpunktmäßig nur an Teilen, die man wegschrauben und gegen Gebrauchtteile in passender Farbe tauschen kann. Schweller, Quer- und Längsträger, Federaufnahmen, HA-Aufnahmen... alles ohne Befund.
    • Fährt sich absolut traumhaft und auch nicht viel anders als der R170 eines Freundes mit 55.000 Km
    • Ein Auto, dem man Liebe schenken kann!


    So. Das war dann Sylvester. Da ich es total verpeilt hatte, mich zur lange angekündigten Party anzumelden und die Herzensdame eh im Ausland war, habe ich den Jahreswechsel dann mit einer ersten sorgsamen Handwäsche zugebracht:



    Es gibt wohl nicht viele Menschen, die an Sylvester in Seelenruhe bei 2°C mit feinsten Mittelchen aus dem professionellen High-End Fahrzeugaufbereitertum um eine <1000€-Schlonte herumwerkeln. Aber mir hat's Spaß gemacht. :D An Neujahr dann sah das alles schon sehr viel besser aus:





    Und nun bei Licht betrachtet:






    So. Dann kam der Innenraum dran:





    ...danach ein Ölwechsel und der Beginn des großen Services. Unter anderem habe ich im Rahmen einer entspannten Wochenendschrauberei solche Sachen aus dem Auto gezogen:







    (wer genau hinschaut, erkennt das Altteil im Hintergrund...)


    Und da sind wir nun. Er begleitet mich seit Jahresbeginn täglich auf dem Weg zur Arbeit und zurück und fühlt sich dabei recht wohl. Demnächst gehen wir mal die Servopumpe und den Rost an, der bis auf die Fahrertür tatsächlich nur oberflächlich ist. Aber die Fahrertür... die ist komplett tot. Sollte also rein zufällig jemand hier Blechteile in Onyxgrau haben... also... nehme ich gern! ;)


    Nun denn. Auf gute Zusammenarbeit!



  • Schöne Autos hast du da, der 202 ist da nur die logische Weiterentwicklung 8)


    Mit den "ausdemvollengefrästenTeilen" sprichst du mir aus ser Seele. Wenn nur die Hälfte der Teile so entstanden wäre, von denen das behauptet wird, die Welt wäre wohl einige hundert Bruttoregistertonnen schwerer.


    & gutes Putzen ist immer der Anfang vom Übel, mit der Restauration hast du schon bewiesen wohin das führt. Eigentlich wollte man ja nur putzen. Naja ein bisschen Service muss ja auch sein, ach das eine Teil kann man ja tauschen, och, sandgestrahlt ist die Karosse viel schöner :D


    Ich wünsch dir auch viel Spaß und Freude an deinem neuen alten Auto :thumbup:

  • Sehr schöner Vorstellungsbeitrag.
    Herzlich willkommen und den Plastikbenzfahrern. :D

    Mfg
    adler-tag

    Rainer Günzler: Ein Coupé. - Und was bedeutet "Coupé"? Eigentlich nichts anderes, als
    eine verteuerte Limousine mit einem verringerten Platzangebot.

  • Moin Felix,


    Schön geschrieben deine Vorstellung mit schönen Bildern, gefällt mir :thumbup:
    Das klingt ja schon etwas so als wärst du auch schon ein bisschen vom 202 infiziert, pass auf da kommst du nur schwer wieder los... :blush:


    Ich hoffe wir werden hier auf dem laufenden Gehalten.


    Grüße aus dem Hohen Norden.