Wenn das Auto plötzlich bloggt...

Als ich an einem kalten November Morgen im Jahr 1994 die warme Werkshalle in Sindelfingen verließ, war mein 481er Lack noch völlig makellos und auf meinem Tacho prangte eine dicke Null.
Da war die komische Frau grad 8 Jahre alt und spielte vermutlich gerade mit ihren kleinen Freundinnen auf dem Schulhof fangen. Das wir eines Tages den Weg zueinander finden würden, war wohl keinem von uns damals bewusst. Mal ehrlich, wer hätte denn auch gedacht, dass dieser völlig irre Blondschopf, der schon in der Fahrradprüfung zwei Jahre später negativ aufgefallen ist, eines Tages die Bescheinigung zum Führen eines Kraftfahrzeugs bekommt? Manchmal ist mir das noch heute völlig schleierhaft.


Ich rollte also von der Halle auf einen dieser Autotransporter, nur wenige meiner Kumpels traten die gleiche Reise mit mir an und wir winkten ihnen noch einmal zum Abschied. Wir waren alle verschieden, doch verschlug es uns alle Richtung Norden, das schweißt zusammen, Ausstattung hin oder her. Mir gab der Mann den ich einige Tage später kennen lernen sollte, der mir Wochen zuvor durch seine Bestellung im Autohaus seines Vertrauens das Leben schenkte, nicht so viele Nettigkeiten wie meinen Weggefährten. Lediglich ein Lederlenkrad, 4-fach elektrische Fensterheber, eine Automatik und eine Klimaanlage waren ihm wichtig. Im Elegance-Paket ließ sich das einfach schnüren für den freundlichen Mann hinter dem Verkaufsschalter beim sternigen Autohaus. Eine Flasche Sekt und ein Strauß Blumen für seine Frau war es ihm wert, als die Provision für mich auf seinem Konto klingelte. Aber eine wunderschöne Farbe bekam ich. Das [lexicon]Bornit[/lexicon], wie die Frau immer sagt: mein geliebtes 481, passte so wundervoll zu meiner grauen Innenausstattung. Ich war so stolz als der Mann kam und mit einem Glitzern in den Augen mich in Empfang nahm.


Ab da war ich sein ganzer Stolz. Mühsam vom Mund abgespart hatte der Mann sich die knapp über 55.000 DM. Ich war fast ein Gutwetter-Auto. In einer Tiefgarage ließ sich das Hamburger Stadtleben recht gut genießen und ich lernte neue Freunde kennen. Ich durfte mit in den Urlaub, die Enkelkinder saßen artig und wohl erzogen auf meiner Rückbank. Ballerten nicht ihre Füße gegen meine Pompadour Taschen und klebten keine Kaugummies unter die Sitze.
Pünktlich ging es jedes Jahr zur Wartung, mein Lack wurde gepflegt und der Innenraum stetig gereinigt. Die Jahre gingen ins Land.


Mittlerweile war die Frau wohl schon größer geworden, nun ja, sie ist recht klein, rückt den Sitz immer ganz nach vorn…aber sie war als Kind bestimmt noch winziger als jetzt. Zu der Zeit fuhren ihre Eltern einen roten Opel Kadett. Die Frau saß immer hinten auf ihrem Kindersitz und starrte auf das Karomuster der Sitze. Dieses Muster muss sich so sehr eingebrannt haben in ihr kleines Hirn, dass sie mir Jahre später eine ähnliche Innenausstattung verpassen sollte.


Während die Frau heran wuchs, wurde ich leider in einen Unfall verwickelt. Es stand ziemlich schlimm um mich. Ich war doch recht verwundert. Der Mann war doch immer ein so guter Fahrer gewesen? Nun geht er schon so krumm und seine Haare werden immer grauer, seine Reaktion lässt wohl langsam nach. Oft merke ich, dass er Fehler macht beim Fahren, ich helfe jedoch wo ich kann. Er ist mein Freund, war immer gut zu mir.


Aus Angst mir weh zu tun, werde ich immer weniger gefahren. Und auch der gute Service beim Freundlichen ist finanziell nun nicht mehr drin. Der Mann ist schon einige Jahre in Rente. Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie damals noch. Etwas hat der Rost an mir genagt, einige Kratzer hat der Mann mir verpasst. Meine geliebte Tiefgarage macht es ihm nicht leicht. Einmal versucht jemand in mich einzubrechen, aber den lass ich nicht rein! An beiden Türen versucht er es, aber ich kämpfe wacker und verscheuche den bösen Buben. Aber statt einer Belohnung muss ich die Schrammen behalten, die beiden Macken machen jetzt auch nichts mehr sagt einer. Ich bin ja schon so alt.


Mensch, 15 Jahre habe ich erst auf dem Buckel, 100.000 km stehen auf meiner Uhr. Und stehen und stehen und stehen. Hallo? Bewegt mich keiner mehr? Meine Batterie fängt langsam an zu meckern, sie ist ja auch schon 15 Jahre alt. Wie sah die Sonne noch mal aus? Die Reifen werden hart, die Bremse setzt etwas Rost an. Meine Kotflügel ebenso.


So stehe ich traurig in der Garage bei Autos, die mittlerweile keine Freunde mehr sind. Viele sind mit den Jahren bereits gegangen. Die neuen sind mir suspekt. Haben kaum noch Hubraum, aber viel [lexicon]PS[/lexicon]. Sind häufiger in der Werkstatt als ich. Neidisch bin ich dennoch, denn sie dürfen auf die Straße und tun wozu auch ich eines Tages gemacht wurde: Zum Fahren. Ein Chevrolet Matiz zeigt auf mich und lacht. 4 Gänge hat der Opa nur! Traurig löse ich den Unterdruckschlauch der Leuchtweitenregulierung und schließe meine müden Augen, als ich plötzlich gestartet werde.


Plötzlich stehe ich in den Hallen dieses Mannes den ich nicht mag. TÜV steht auf dem Schild. Er sagt nette Sachen über mich, aber einen neuen Aufkleber bekomme ich nicht. Selbst schuld denke ich, habe ich doch selbst die Leuchtweitenregulierung zerstört durch meine Schwäche. Mir wird geholfen und einige Tage später bekomme ich die Plakette. Nun denke ich, wird man mich wohl wieder öfters Fahren. Aber so ist es nicht.


Weitere 1,5 Jahre stehe ich mehr als das ich flitzen darf. Langsam werd ich alt und träge. Mein Thermostat quittiert den Dienst, wozu brauchst du mich wenn dich eh keiner mehr richtig warm fährt höre ich ihn noch sagen.


Die Frau steht in etwa zur gleichen Zeit bei Ford. Ihr 94er Ford Fiesta, den sie heiß und innig liebt wie nichts zuvor, stirbt einen langsamen tot. Sie weint, er soll abgewrackt werden. Zu der Zeit bekamen die Menschen für die Tötung ihres alten Automobils 2500 € Startkapital für einen neuen Downsizing Flitzer. Sie möchte das eigentlich nicht. Aber „Knuddel“, ja allen Ernstes so nennt sie diese grüne, sie sagt „Cayman Blue Metallic“, Rostlaube, frisst mittlerweile leider so viel Öl. Er hat mir in unserer kurzen gemeinsamen Zeit verraten, dass es ihm einfach schmeckt das gute, teure Öl welches die Frau immer kauft. Damals schüttelte ich meine Front vor Nichtverstehen, heute weiß ich was er damals meinte und ich gönne mir ab und zu auch einen Schluck mehr. Die Frau weiß es, aber sie schimpft deshalb nicht.


Sie steht also bei Ford und nach zwei Probefahrten mit neueren Modellen fängt sie erneut an zu weinen und sagt dem Verkäufer seine blöden Karren kann er gern behalten. Sie verlässt aufgelöst das Geschäft und denkt an das Budget und die Möglichkeiten die sie als Azubine so hat. Knapp über 3000 € gibt die Kasse her.


Also macht sie sich auf die Suche.


So kam es, dass ich an einem sonnigen Tag die triste Einöde der Tiefgarage verlassen durfte. In eine Waschanlage fuhr mich der Sohn des Mannes. Er mag mich, weiß er doch wie sehr der Mann an mir hängt. Doch ich tue ihm leid. Deswegen hat er den Mann gebeten mich gehen zu lassen. Viele Anrufer hat er gegeben die mich leiden mögen. Doch er weiß nicht so Recht, zu wem er mich geben soll. Viele wollen nur „Letzte Preis“ bezahlen, sagen ich sei nichts mehr wert. Nach Afrika soll ich gehen, dabei ist doch mein Thermostat kaputt!


Ich stehe glänzend in der Sonne und genieße die warmen Strahlen auf meinem Lack, als ich sie plötzlich höre, die Stimme die mir fortan täglich etwas Vor“singen“ wird. Die komische, kleine Frau ist gekommen. Sie beäugt mich, bewundert meine Farbe. Sie kennt sogar den Namen. [lexicon]Bornit[/lexicon] sagt sie. Sie zeigt auf einige Schrammen und meinen Rost. Hey junge Dame, mir ist das peinlich! Wieder rutscht mir der Unterdruckschlauch der Leuchtweitenregulierung ab weil meine Augen trübe werden vor lauter Mängelsuche. Ich weiß ich bin nicht mehr der Jüngste, aber wie die Frau dann feststellt bin ich ganz gut in Schuss.


Bevor sie mehr zu mir sagt, möchte sie mit mir fahren. Ich weiß ja nicht. Ich meine habt ihr euch die mal angeguckt? Ich bin ein reines Männerfahrzeug, was will die Frau von mir? Allein wie sie beim Reinsetzen den Sitz ganz nach vorne stellt regt mich schon auf. Kommt trotzdem kaum mit den Beinen an meine Pedale. Verstellt die Spiegel auch noch, wie soll ich das alles wieder rückgängig machen? Alle Knöpfe probiert sie aus, ey das mag ich nicht! Oder doch? Ganz sanft fährt sie an, fährt mich erst schön wohlig warm bevor sie Gas gibt. Und dann schaukle ich sie sanft und zeige ihr meinen ganzen Komfort. Wäre doch gelacht wenn ein Benz das nicht kann! Ich lasse meinen Stern funkeln, ein Sonnenstrahl reflektiert einen kleinen Lichtblitz an der oberen Kante des Sterns…und es ist um sie geschehen.


Einige Tage später holt sie mich ab. Ich winke noch einmal, mir fällt es nicht leicht zu gehen. Aber der Mann sagt, mir stehe ein schönes Leben bevor. Ich und die Frau brauchen einige Zeit, bis sie versteht wie ich funktioniere. Sie nennt mich liebevoll ihr Carlchen. Mit C wie C Klasse natürlich.
Sie repariert einiges an mir, gibt mir dieses verteufelt leckere Öl, sie entfernt den Rost. Sie ist gut zu mir. Verschafft mir ein Dach über dem Kopf und fährt mich beinahe täglich aus. Irgendwann auch zu anderen meiner Art, wo sie mit den anderen Fahrern steht und über uns auch mal schimpft. Aber wenn sie einsteigt und mit mir alleine ist, sehe ich das Funkeln in ihren Augen immer noch wie am ersten Tag. Mittlerweile kennt sie meine Macken so gut wie meine Fahrgestellnummer.


Ok, sie hat manchmal verrückte Ideen. Die Sitze, ich weiß ja nicht. Dieses sportliche Karomuster…sie meint das passt zu mir. Ich bin ja eher elegant. Aber was tut man nicht alles für seine Frau? Mein Holz durfte ich aber behalten, das mag sie auch. Liebevoll streichelt sie immer wieder über die Risse, die gehören zu mir wie einst meine Beulen, die sie mittlerweile hat entfernen lassen. Sie hat mich mit einigem Schnickschnack ausgestattet über die Jahre, deswegen muss ich ihr ab und zu mal sagen, was wirklich wichtig ist. Da lass ich dann schon mal den Federteller knacken, natürlich erst wenn ich sie heil nach Hause gebracht habe. Die kleine Batterie war nach 20 Jahren auch so schwach, ich hörte sie noch wimmern den Abend bevor sie von uns ging. Aber ich gab ihr noch einmal extra Power damit die Frau noch vom Einkaufen nach Hause fahren konnte. Schließlich hatte sie Gefrorenes dabei, wo kämen wir da sonst hin? Manchmal schimpft sie dennoch über mich, meist ist sie selbst schuld. Wie oft habe ich ihr angedeutet, dass sie den Wischerarm mal schmieren muss? Als sie das Licht im Kofferraum angelassen hat, habe ich ihr noch hinter her gebrüllt, ich hab noch versucht die Spannung der Batterie zu halten. Ich wusste ja nicht, dass sie 4 ganze Tage nicht kommen würde um mich auszufahren! Solange lässt sie mich selten allein.


Dieses Jahr im März bin ich 6 Jahre bei der Frau. Die Zahl 185.000 prangt auf meinem Kilometerzähler. Manchmal träume ich von einem Bruder oder einer Schwester. Die Frau auch. Das weiß ich. So ein Zweitwagen würde uns beiden ganz gut tun. Es soll auch ein Stern werden, noch älter als ich, so ist der Plan.


Bis dahin bleiben wir zu Zweit. <3

<3 Glücklich vergeben an mein Carlchen seit 03.03.2009 :love: Und immernoch verliebt wie am ersten Tag <3
:rose: Die einzig wahre Liebe gibt es halt doch nur zwischen einer Frau und ihrem Auto :stern:

Comments 14

  • Liebes Carlchen,
    es freut mich sehr Dich kennen gelernt zu haben. Ich bin etwas jünger als Du und fuhr mit meinem Käufer im Sommer 1995 in Sindelfingen vom Werksgelände. Deine Lebensgeschichte rührt mich und ich wünsche Dir noch unendlich viele Kilometer im Sonnenschein. Aber was soll uns denn schon passieren...
    LG
    C180

  • Das ist ja unglaublich. Du sprichst mir aus der Seele. Danke dir Geschwisterchen. Ich bin ein halbes Jahr älter als du. Mein Fahrer musste mich nach nur einen Jahr an seinen Sohn weitergeben. Er hat 19 Jahre gut auf mich aufgepasst und ich habe es ihm gedankt und ihn nie stehen gelassen. Jetzt fährt mich die 3. Generation. Es fällt mir immer schwerer auf den Jungen Kerl (17) aufzupassen, aber er es gelingt mir noch. Ich habe eine große OP vor mir. Pass du nur gut auf deinen Unterboden auf, und halte auch deine Adern gut gefettet.
    Gruß, C180 Elegance, BJ 06/1995, 399.913 KM


    Ich wünsche dir viel Freude mit Carlchen und ich hoffe für uns, dass der Nachruf noch viele Jahre auf sich warten lässt.

  • Schlimm wenn man(n) hier mal ein Traenchen verdrueckt?


    Toll geschrieben. Carlchen, das gefaellt mir....

  • Sehr schön geschrieben! Danke :)

  • sehr schön

  • super...eins plus

  • Tja so einen hab ich auch übernommen. Wer auch immer Penny ist hat ein Talent was er noch nicht kennt, abgesehen davon Geschmack zu haben,was die Wahl der Fahrzeugmarke betrifft. wievonselbst aus Berlin

  • Sympathisches kleines Carlchen mit einer sehr bewegenden Geschichte :-) Freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung ;-)

  • Total klasse!!!

  • Witzig und Informativ....eine charmante Art der w202-Macke :-)


    MfG

  • Danke :)

  • Ja, einfach schön. Könnt' ich zig mal lesen. Werde ich wohl auch...

  • Schön